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FAKE IT TIL YOU MAKE IT | Die Wahrheit über die Bloggerwelt

Als Blogger, vor allem in der Fashionszene, will man Vorbild sein. Ein perfektes Püppchen, das die Follower am Liebsten nachimitieren sollen, aber bitte nicht zu viel, weil sonst ist es ja kopiert. Aber im Grunde will man ein unerreichbares Vorbild für die Leute sein, die einem die Likes bescheren. Um dieses Bild aufrechtzuerhalten wird immer wieder zu Mitteln gegriffen, für die ich diesen Bloggern tatsächlich am liebsten den Internetzugang verbieten würde. Es wird gefälscht bis zum Umfallen. Und während es in allen anderen Berufsfeldern äußerst verrufen, teils sogar rechtswidrig ist, ist genau das in der schillernden Bloggerwelt Gang und Gebe.

Neben meiner großen Leidenschaft – dem Schreiben – war einer der Gründe, warum ich damals das Bloggen bzw. Bilderposten angefangen habe, meine Lust am Fotografieren und Bearbeiten. Schöne Motive, Locations und Outfits, dazu ausdrucksstarke Filter finden, die die Atmosphäre schaffen, die den eigenen Lebensstil repräsentiert. An mehr habe ich damals nicht gedacht. Mit einer wachsenden Followerzahl kamen dann auch Kooperationen und Einladungen zu Events, wo man dann einige Blogger mal im echten Leben getroffen hat. Und siehe da, keine strahlend weißen Zähne, keine lupenreine Haut, kein Barbie-Aussehen. Außer die, die eben nicht nur die Bilder, sondern das Real Life retuschiert hatten und sich das Gesicht aufgespritzt und die Zähne mit Bleichmittel verätzt und die Haare mit Extensions verlängert hatten. Das eine mag schlimmer als das andere sein, doch insgesamt führt all das zu Einem: Einer wahnsinnigen Verzerrung der Realität.

Woran liegt denn das Bedürfnis, etwas an sich ändern zu wollen? An der Gesellschaft. An Normen und Standards. Die ganz und gar nicht der Standard sind. Das ist ja das Lächerliche – wir sehen tagtäglich Magazine, Blogs, Werbungen, Fotos, die bei Weitem nicht die Realität abbilden. Neben dem Mager- und Fitnesswahn gehören da auch noch die richtige Hautfarbe, die richtige Weiß-Nuance auf den Zähnen und die richtigen Gesichtszüge dazu. Also wird gekotzt, gesprayt, gebleacht, gespritzt, bis man dem „Standard“ entspricht. Da muss ich aber lachen. Weil das ja aber immer noch nicht reicht, wird dann mit Photoshop der Rest optimiert, bis man die perfekte Illusion hat: Ein komplett gefälschtes Foto, an dem nichts mehr real ist. Entschuldigt meine Wortwahl, aber: Wer kam eigentlich mal irgendwann darauf, so nen Bullshit überhaupt zu produzieren und dann auch noch zu veröffentlichen? Wer setzt solche Schönheitsideale fest, wenn sie doch nicht einmal von Natur aus existieren? Wer auch immer dafür verantwortlich ist – danke für all die Magersucht-Fälle, für all die Menschen, die sich so unwohl fühlen, dass sie das Bedürfnis haben, etwas an sich ändern zu müssen.

Und jetzt braucht mir gar niemand erzählen: „Ach, ich habe mir nur meine Nase korrigieren lassen, weil ich das schön finde.“ Oder: „Ich habe meine Pickel alle wegretuschiert, weil ich mich dann wohler fühle.“ Das ist genauso Bullshit. Wir alle haben diese Einstellung nur, weil die Gesellschaft das so vorschreibt. Und das ist doch dumm. Wäre doch viel schöner, wenn niemand etwas an sich ändern müsste. Denn jede Entscheidung, etwas an seinem Aussehen zu ändern, fängt mit dem Gedanken an, dass genau das zu ändernde Merkmal nicht schön genug ist. Es fängt mit Unzufriedenheit und negativen Gedanken gegenüber dem eigenen Körper an.

Eigentlich muss man sagen, dass Make-Up genauso schlimm ist, wenn man ganz kleinlich sein will. Es ist auch die Gesellschaft, die behauptet, dass Frauen mit vollgeklatschtem Gesicht schöner aussehen. Und ich will auch nicht sagen, dass ich davon nicht betroffen bin. Ich schminke mich ab und zu auch gerne, aber fühle mich oft schon nach einer halben Stunde mit Make-Up im Gesicht wahnsinnig unwohl und eingeengt. Deshalb gehe ich sehr oft ungeschminkt aus dem Haus und auch in Snapchat und Instagram sieht man mich oft ohne Schminke. Aber das schaffe ich momentan nur, wenn ich gerade keine Pickel habe. Ansonsten ertappe ich mich auch immer mit dem Gedanken, dass ich mich dringend schminken muss, oder zumindest diese Pickel abdecken muss.

Also ich fühle mich auch nicht wohl mit Pickeln und ich vermeide es auch, Fotos zu machen, wenn ich welche habe. Aber ich kann nichts daran ändern, dass sie hin und wieder in meinem Gesicht auftauchen und ich will eigentlich nicht, dass mir das ein schlechtes Gefühl gibt. Dennoch fällt es mir schwer, mich mit diesen doofen Pickeln im Gesicht und gleichzeitig mit einem guten Gefühl zu fotografieren. Doch bevor ich zum Retuschepinsel greife, mache ich dann lieber gar keine Bilder. Was ja an sich eigentlich schon traurig ist.

Früher, als ich noch auf Tumblr aktiver war, habe ich unzählige Nachrichten bekommen, die ungefähr so lauteten: „Du hast ja eigentlich schon voll viele Pickel.“ Und nicht nur das. Menschen schreiben einem aus verschiedensten Gründen hinter der anonymen Maske des Internets Nachrichten, die einen im Kern schon verletzen. Da verstehe ich zum einen die Motivation, die junge Mädchen dann haben, ihre Bilder zu retuschieren. Auch die großen Blogger haben da immerhin ein Gesicht zu wahren. Aber ist das ein Grund, sich surreal darzustellen? Auf keinen Fall.

Trotzdem sind leider viele Blogger der Meinung, sie müssten ihr Aussehen verändern um zu gefallen. Das führt aber dazu, dass immer mehr Menschen denken, sie müssten das auch tun um gut genug zu sein. Also bleibt das oberflächliche Internet in diesem Teufelskreis gefangen. Und ich schiebe die Hauptschuld nicht einmal auf die Menschen, die sich retuschieren. Ich schiebe sie wie gesagt auf die Gesellschaft. Aber wie sollen wir aus dem Teufelskreis herauskommen, wenn ihn niemand durchbricht? Und deshalb bin ich wahnsinnig wütend auf all die Blogger mit ihren hohen Followerzahlen, die diese schrecklichen Ideale weiterhin verbreiten. Seid doch endlich eurer Verantwortung bewusst und hört auf, all euren Followern das Gefühl zu geben, dass sie nicht schön genug seien, weil sie keine sündhaft teuren Maßnahmen ergreifen um euch allen optisch ähnlich zu werden.

Ich habe ja etwas Mitleid, weil ich selbst weiß, wie sich das anfühlt. Ich betrachte mein Äußeres auch sehr oft mit einem zu kritischen Auge. Und ich weiß, wie es sich anfühlt, nicht mehr in derselben Haut stecken zu wollen. Aber ich habe längst aufgegeben, im Internet (und auch im echten Leben) für mein Aussehen bewundert werden zu wollen. Nicht nur, weil ich das nicht kann, sondern weil ich das nicht will. Mein Ziel, also meine Einstellung, die ich euch vermitteln will, ist,dass wir uns und unseren Körper einfach bedingungslos akzeptieren sollten. Unser Körper sollte kein Grund für uns sein, traurig, unzufrieden oder gar depressiv zu sein. Nicht nur, weil es noch viel schlimmere Gründe gibt, sondern auch, weil unser Körper unsere Heimat, unser Tempel ist. Und genau dieses Bild will ich vermitteln.

[…]

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