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ICH MACH MIR DIE WELT, WI-DE-WI-DE-WIE SIE MIR GEFÄLLT | Der Algorithmus & Influencer

Instagram beeinflusst das Leben vieler in unserer Generation. Warum wir davon etwas ablassen sollten und wie wir wieder Spaß an der App finden können, lest ihr hier.

*Achtung! Allergiehinweis: Dieser Artikel kann Spuren von Sarkasmus und Ironie enthalten. Bei Stilmittelintoleranz bitte nicht weiterlesen.*

Es ist ein ganz gewöhnlicher Sonntagnachmittag. Du trinkst deinen Matcha Latte, sitzt eingekuschelt in deine neue Jogginghose auf dem Sofa, blickst von deinem Smartphone auf, siehst die grauverschneite Februarlandschaft und seufzt. Da tauchst du lieber wieder in die Social-Media-Welt ein, die sieht so viel schöner aus, so genau nach dem Leben, das du wahnsinnig gerne hättest. An die tollsten Orte der Welt reisen, die teuersten und coolsten Produkte einfach zugeschickt bekommen und dafür auch noch bezahlt werden: ein Traum! Du scrollst durch die Weiten deiner Instagram-Startseite, Doppelklick, scroll, zurück, scroll, Doppelklick, „wow wie schön!“ So sitzt du da und die Minuten verstreichen. In den Minuten gehen dir diese Gedanken durch den Kopf:

  • „Wieso kann ich nicht morgens beim Frühstück schon so wunderschön aussehen?“
  • „Oh ich wünschte, ich könnte mir diese schönen Schuhe von Dolce & Gabbana leisten“
  • „Es wäre ein Traum in dieser Wohnung zu wohnen!“
  • „Wie gerne wäre ich jetzt auch umsonst am Meer, auf Mauritius, in Mexiko…“

Und du siehst all diese Menschen, die dir immer ein Vorbild waren, weil sie so perfekt zu sein scheinen. Doch was dahintersteckt, das blendest du aus. Du lässt dich weiter vom Schein trügen. Weil du diese Leute weiterhin unterstützt. Dabei könntest du eigentlich ganz genau wissen, dass du dir damit deine eigene Naivität bescheinigst. Du könntest ganz genau wissen, dass das alles viel mehr Schein als Sein ist.

Du weißt ganz genau, dass dieses Beim-Frühstück-perfekt-Aussehen auf zahlreichen Maßnahmen basiert, die es influencer gar nicht mehr zulassen, natürlich auszusehen. Da sind die Lippen nicht echt, die Haare nicht echt und die Wimpern schon gar nicht. Da geht man ja quasi geschminkt zu Bett und wacht auch wieder genauso auf. Und das erste Foto wird da auch erst gemacht, nachdem man sich perfekt gestylt hat (im Frühstücksfall ist das ja natürlich der Woke-Up-Like-This-Look) und man allgemein eigentlich gar nicht mehr auseinander halten kann, wer jetzt wer ist. Massengefertigte Wimpern, Extensions, Nasen und Lippen machen anderes auch schwer möglich. Und so wird weiterhin fröhlich propagiert, dass man nur genau so schön sein kann und ist. Welch großartige Vorbilder!

Du weißt auch ganz genau, dass der Großteil der Leute unserer Generation, die diese Schuhe und andere Artikel in selbiger Preiskategorie tragen, sich das nicht selbst finanzieren und sich wenn dann aus Daddys Geldbeutel bedienen. Mit Statussymbolen um sich zu werfen und hiermit zeigen zu wollen, dass man als Mensch einen größeren, besseren Wert hat, war natürlich schon immer richtig cool, so voll erstrebenswert. Macht einen mega beliebt im Umfeld. Es ist heutzutage einfach super wichtig, dass man alles, was man sich so gönnt, umgehend und restlos auf allen Social Media Kanälen postet, damit jeder sieht, was und dass man besitzt. #richkid #modest #youarenada #iamprada

Du weißt auch ganz genau, dass diese Wohnung nur aus dem Grund so aussieht, dass man sie auf Instagram zeigen kann. Da ist außer ein paar Fotos von sich selbst wahrscheinlich nicht viel Persönliches in der Wohnung. Man muss ja auch hier und da mal ein #interior-Hashtag platzieren können, um ein vollwertiger „Blogger/Influencer“ zu sein. Da darf nirgends ein Paar getragene Socken rumliegen, alle Teller müssen stets steril sauber sein und vom Boden muss man auch essen können, weil man sich ja hin und wieder mal drauf räkeln muss. Und wenn man keinen begehbaren Kleiderschrank besitzt, dann kann man die #fashionblogger-Karriere ja gleich knicken, man muss ja schließlich im Kleiderschrank Fotos von sich schießen können, damit alle ja schön sehen, wie viele unnötige Klamotten, die größtenteils in Schweißarbeit in Sweat Shops produziert worden sind, man halt so besitzt, um sie dann ein Mal für einen Outfit-Post anzuziehen und danach nur noch als Füllmaterial und Dekoration im #wardrobe hängen hat.

Und eigentlich weißt du auch, dass der Großteil dieser Reisen und der Produkte auch nicht umsonst sind. Das passiert alles im Tausch gegen der Influencer*innen Individualität. Da wird ein Leben geopfert, da wird der #boyfriend für die #couplegoals geopfert, da wird alles geopfert, was ich persönlich an meinem Leben so besonders und schön finde: Dass ich tun und lassen kann, was ich möchte. Dass ich genießen kann, was ich will. Dass ich so bin, wie ich bin und mich nicht verändern lasse. Dass ich schön bin, wie ich bin und es verdiene, auch genau so wahrgenommen zu werden. Dass ich eigene Gedanken habe, die ich zelebriere und mit der Welt teilen will. Dass ich meinen eigenen Geschmack habe, dass ich fotografieren kann, was ich will. Dass ich die Worte schreiben kann, die ich will.

Und viele Influencer verlieren sich heutzutage einfach in all dem Promoten und Darstellen selbst. Sie inspirieren nicht, sie motivieren nur zum Kauf und lernen kann man von ihnen eigentlich nur, wie abgefuckt unsere Social-Media-Gesellschaft eigentlich ist. Fast jedes Foto enthält gesponserten Content, was ja an sich nichts schlimmes ist – aber wenn man sich selbst darin nicht mehr findet, eben schon. Instagram wurde zu einer Dauerwerbesendung. Und so folgen wir weiter unseren wandelnden Litfaßsäulen und Barbies.

Instagram war für mich lange Zeit einfach total frustrierend, weil mich diese Veränderung – weg von der inspirierenden Plattform, hin zur Werbeplattform – einfach wahnsinnig gemacht hat. Selbst wenn ich auf das „Entdecken“-Feature geklickt habe, war da kaum etwas, was mich interessiert hat, weil Instagram denkt, durch die vielen Likes müsse das ja jeder mögen. Oder wie auch immer dieser Algorithmus funktioniert. Ich selbst war ja auch ein Teil davon, habe auch mit Firmen kooperiert, die ich sonst eventuell nicht unterstützt hätte. Mittlerweile arbeite ich nur noch mit Firmen zusammen, hinter denen ich zu 100% stehe, wie zum Beispiel Kerbholz oder odernichtoderdoch. Und viele Blogger und Influencer tun das nicht, sie nehmen jeden Deal an und verlieren sich ein Stück weit selbst. Auch viele der Leute, die ich schon super lange kenne, auch im echten Leben getroffen habe und als Personen gerne mag. Aber die haben sich da in etwas verfangen, was sie komplett verändert hat.

Eine Zeit lang fiel es mir wirklich schwer, diesen Leuten zu entfolgen, weil ich deren Stil zu fotografieren trotzdem sehr gerne mochte. Aber so schön das alles aussieht – es ist nicht echt, nicht authentisch. Und wie kann ich etwas unterstützen, was im Kern eigentlich zu keiner positiven Veränderung führt; im Gegenteil, es führt nämlich eher zu einer negativen. Aber dann habe ich einfach mal die Liste der Profile aufgerufen, denen ich folge, und mir ernsthaft Gedanken gemacht, was mich davon weiterbringt und was nicht. Was mich inspiriert und was nicht. Was einen Mehrwert hat und was nicht. Und dann einfach mal massenweise auf „Entfolgen“ geklickt. Und das hat wirklich vieles verändert. Inzwischen habe ich diesen Prozess zweimal wiederholt, weil ich über die Zeit hinweg gemerkt habe, dass ich so vieles eigentlich gar nicht brauche. Und wenn ihr euch in Zukunft an dem Algorithmus stört und davon genervt seid, dass ihr nur noch uninteressanten Content seht, dann nehmt euch doch einfach mal Zeit und entfolgt ein bisschen, markiert die Werbung als uninteressant und konzentriert euch mehr auf das, was euch wirklich gefällt. Vielleicht kann dann Instagram wieder für alle zu einer gerne genutzten Plattform werden und wieder das sein, was es mal war – inspirierend, großartig und interessant.

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