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#wirsindmehr und bleiben es auch! – Die Gedanken am Tag nach Chemnitz am 03.09.2018

Was gestern in Chemnitz passiert ist, ist schwer in Worte zu fassen. Es war überwältigend und herzerwärmend. Es war krass, wunderschön, zugleich frustrierend. Es war ein Gefühlschaos und eine Reizüberflutung, wie ich es selten erlebt habe. Künstler*innen, die alle eine starke Verbindung zu Chemnitz, und/oder der früheren DDR und dem Aufwachsen in den Neuen Bundesländern, oder Erfahrungen mit Rechtsradikalismus haben, vereinen sich und rufen Menschen dazu auf, sich mit ihnen zusammen gegen Rassismus, gegen Nationalsozialismus, gegen Faschismus zu positionieren. Und es wurde definitiv ein starkes, krasses Zeichen gesetzt: Statt 20.000 erwarteten Menschen standen am Abend laut Zählung der Stadt Chemnitz ca. 65.000 Menschen auf den Straßen der Stadt, in der in den Tagen zuvor noch Ausnahmezustand anderer Art war. Und obwohl wir es alle gesehen haben, ich muss es nochmal sagen: Da standen Leute auf der Straße, die sich öffentlich zu Hitler bekannt haben, die Hitlergrüße und ihre nackten Hinterteile in die Kamera gezeigt haben, die Menschen mit Migrationshintergrund und die, die wie solche aussehen, auf den Straßen gejagt und verprügelt haben, die rassistische und faschistische Aussagen am laufenden Band von sich gegeben haben und das alles mit einer Wut und Aggression, dass es angsteinflößend war. Und sie waren wahnsinnig stolz drauf.

Wenn nun also genau diese Menschen, die ich im Folgenden übrigens oft einfach nur als „Nazis“ bezeichnen werde, behaupten, sie könnten anderen vorschreiben, wie sie zu trauern haben, dann ist das doch sehr paradox. Es wurde ein 35-jähriger Vater, Daniel H. ermordet und das ist erschütternd. Es ist traurig. Aber keinesfalls rechtfertigt es die Ausschreitungen, zu denen es ab Samstag kam. Ist das die Art, wie man so richtig schön traditionell deutsch trauert? Mit Aggression gegen Personen, die wie die Täter – aber auch wie Daniel H. – Migrationshintergrund haben? Mit Verherrlichung des zweiten Weltkriegs, in dem man noch so locker flockig ebendiese abschlachten konnte, ohne dass da ein paar „linksgrünversiffte Gutmenschen“ kamen, die sich dagegen wehren? Und die linken Gegendemonstrant*innen mit genauso viel Gewalt an die Sache gehen und andere verletzen? Denn beides ist falsch und instrumentalisierend. Und beides hätte Daniel laut eines guten Freundes, auch wenn er offenkundig links orientiert war und früher diese Neonazis verprügelt hat, nicht gut gefunden. Jedoch ist es passiert. Es ist passiert. Und ich kann es immer noch nicht glauben, deshalb muss ich es weiter wiederholen: Es standen Menschen auf offener Straße, die ganz klar Nazis sind. In einem Ausmaß, das wirklich erschreckend ist.

Nach all dem, was letzte Woche passiert ist, ist #wirsindmehr nun also eine angemessene Antwort an die gewaltsamen Ausschreitungen. Es war ein friedlicher, schöner Tag, der als klares Statement gegen Nazis und Gewalt zu sehen ist. Es war leider auch zu spüren, dass für viele Menschen das Konzert ein großer Beweggrund war, nach Chemnitz zu fahren. Auf einem Konzert gehört Alkoholkonsum dazu, auf einer Demonstration haben betrunkene Feiernde aber nichts zu suchen. Und es war in erster Linie eine Demonstration, eine Kundgebung dafür, dass wir Nationalsozialismus, Faschismus und Rassismus in unserem Land nicht dulden. Und das wurde laut und deutlich.

Die Kritik, dass nur weiße cis-Männer auf der Bühne standen, ist trotzdem berechtigt. Dass wir in Deutschland vorrangig ebendiese Menschen in Machtpositionen, in diesem Beispiel eben in der Musik, haben, ist unterschwelliger Rassismus, der zeigt, dass in unseren Strukturen (B)PoCs nach wie vor nicht dieselbe Stellung einnehmen können. Deshalb wäre es schön gewesen, wenn man für diese Veranstaltung Künstler*innen wie zum Beispiel Samy Deluxe, Cassandra Steen, Joy Denalane, Adesse oder Sookee (…) auf die Bühne hätte holen können. Denn, auch wenn sie zu einer anderen „Crew“ als die gestern anwesenden Künstler*innen gehören, sind sie doch da. Und da sie öffentliche Personen sind und es einfach jedes Mal repräsentative Beispiele für unser Land sind, wäre es wichtig gewesen, dass diese Veranstaltung ein ausgeglicheneres Bild repräsentiert hätte – in einer Vorbildfunktion. Aber: Die Künstler*innen, die auf der Bühne standen, haben (wie schon in der Einleitung beschrieben) ALLE in irgendeiner Weise Bezug dazu und deren Bedürfnis, sich gegen Nazis zu positionieren und aktiv gegen sie vorzugehen, darf man ihnen genauso wenig absprechen. Und Musik ist ihre Art gegen Faschismus zu kämpfen. Und das hat geklappt, für diesen einen Tag. Wie aber schon Felix Brummer von Kraftklub sagte: „Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet. Aber manchmal ist es wichtig zu zeigen, dass man nicht allein ist.“

Ich fand es schön, dass ich mit einer bunt gemischten Gruppe anreisen durfte, in der ich die einzige ohne Migrationshintergrund war. Die anderen haben darüber gewitzelt, dass ich jetzt mal der Minderheit angehören würde, und ich finde, das war so wie es war super wichtig und lehrreich. Wir hatten auf der Fahrt so gute Gespräche, aus denen ich viel lernen durfte und mir wieder klarer wurde, für was ich da kämpfe. Es gibt so viele Menschen, die diese Welt, dieses Land bereichern und die Chancengleichheit ist der Weg, mit dem das uneingeschränkt funktioniert. Da sind wir aber noch nicht ansatzweise dran und wenn Nazis jetzt wieder stolz auf der Straße stehen können und sich niemand querstellt und laut und deutlich protestiert, ist das ein riesiger Schritt in die falsche Richtung, inakzeptabel und untragbar für ein Land. Deshalb empfinde ich es als genauso wichtig, dass sich deutsch-deutsche ebenso klar positionieren. Denn das ist ja das Gute: Minderheiten müssen nicht allein gegen die Ungerechtigkeit, Ungleichheit, gegen Rassismus, Faschismus und sonstige -Ismen kämpfen. Jeder, der ein bisschen was im Kopf und im Herzen hat, steht hier auf für die Rechte aller und gegen die Menschen, die versuchen diese einzuschränken. Und das wurde aus meiner Perspektive gestern sehr deutlich.

Wir sind alle zu der Demonstration gefahren, ohne zu wissen, was auf uns zukommt. Es wurden Polizeikräfte von überallher mobilisiert, Wasserwerfer nach Chemnitz verfrachtet und Gegendemonstrationen (z.B. von Thügida) angekündigt. Das Ausmaß dessen, was hätte passieren können, war uns nicht bewusst. Aber was am Ende passierte, war wunderschön und insgesamt symbolisch ein Zeichen, was mich wahnsinnig stolz macht: Die Polizei musste keinen Großeinsatz starten, die Ängste vor Gewalt aus beiden Seiten waren vollkommen unberechtigt, rechte Gegendemonstrationen wurden von der Stadt untersagt, was also keine Aggressionen provoziert hat. Es war komplett friedlich. Ich war noch nie stolzer auf meine Generation.

Jedoch war das alles auch eine ziemliche Illusion, dessen bin ich mir auch bewusst. Chemnitz und die Welt ist nicht jeden Tag voller Menschen, die sich gegen Faschismus einsetzen. Es GIBT die Nazis dort. Es GIBT dort ein manifestierte rechte Nazi-Gruppierungen in allen Lebensbereichen. Ich wäre zum Teil auch viel lieber die letzten Tage über in Chemnitz gewesen und hätte mir ein Bild von der Lage machen wollen, was leider nicht geklappt hat. Und wir dürfen wirklich verdammt nochmal nicht vergessen, dass es mit dieser Demonstration nicht getan ist. Wenn ich einen von euch erwische, der jetzt sagt: „Ach die Demo in meiner Stadt ist mir jetzt nicht so wichtig, ich war ja schließlich in Chemnitz dabei“, dann gehört ihr genauso zu den Leuten, die nicht wirklich dahinterstehen und damit den Nazis ihre Berechtigung in die symbolische, nach oben gestreckte Hand drücken. Es liegt an jedem*r einzelnen von uns, diesen Spirit aus Chemnitz jetzt mitzunehmen und weiterhin dafür zu kämpfen, dass wir in einem Land leben, in dem die Zustände wie in Chemnitz in der letzten Woche NICHT toleriert und akzeptiert werden. Es liegt an jedem*r einzelnen, dass wir die Augen offen halten und Rassismus auf der Straße, im Umfeld und überall, wo wir ihn entdecken, offen und klar adressieren. Es liegt an jedem*r einzelnen, dass wir Zivilcourage zeigen, zuhören und füreinander da sind.

Und alle, die lieber nach Berlin zur Bread&&Butter gefahren sind und ihre Instagram-Story lieber mit solch irrelevanten Themen vollgeballert haben, als Chemnitz auch nur ein einziges Mal zu thematisieren: shame on you. Ihr seid Teil des Problems. Ich weiß, dass es deutlich einfacher ist, sich nicht damit zu beschäftigen. Braucht man ja auch nicht, wenn man sich auf seinen Privilegien ausruhen kann. Aber genau diese Bequemlichkeit ist das Problem. Und da waren tausende Menschen, denen es so geht, die sich nicht damit zufrieden geben, dass sie ja keine Probleme mit Rassismus erleben. Ich gehöre genauso dazu, offen gesagt, ich hab viele Privilegien. Die Künstler, die da auf der Bühne standen, gehören genauso dazu (bewusst nicht gegendert, weil Nura die einzige weibliche Künstlerin war und, um sie zu zitieren,: „Ich bin schwarz). Die meisten anderen, die dort waren, gehören genauso dazu. Und wir alle wissen eines: DASS wir diese Privilegien haben. Und dass andere diese nicht haben. Und dass, nur weil wir das vielleicht nicht immer unmittelbar mitbekommen oder eventuell auch kein Auge und Ohr dafür haben, wir uns trotzdem dafür einsetzen können und müssen. Und das nicht nur, weil es unser Grundgesetz so sagt, sondern weil wir auch ein bisschen Menschenverstand haben.

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