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Warum #UNFOLLOWME schädlicher ist als die Motivation dahinter

Vor wenigen Tagen ging eine Kampagne im Internet viral, vor allem durch viele Prominente, aber auch Influencer*innen, die die Fotos teilten: #UNFOLLOWME wenn du Ausländer hasst, wenn du stolz auf deine Hasskommentare bist, wenn, wenn, wenn. Was ja auf den ersten Blick wie eine klare Positionierung gegen rechts wirkt, was die Kampagne auch ist, ist auf den zweiten Blick hochproblematisch – sie fördert die gesellschaftliche Spaltung. Und damit genau das Gegenteil dessen, was Deutschland eigentlich braucht.

Mit #UNFOLLOWME rufen die Menschen im Internet dazu auf, dass Follower*innen, die rechtes Gedankengut teilen, ihnen entfolgen sollen. Die Social-Media-Initiative wurde von „Laut Gegen Nazis“ ins Leben gerufen und seither hundertfach geteilt. Prominente wie Sido, Namika, Fynn Kliemann, Nura, Frederick Lau, Trettmann und Jennifer Weist (aber die hat ja neulich bewiesen, dass sie ohnehin nicht so sehr über ihre Posts und Aktionen nachdenkt) haben sich der Bewegung angeschlossen. Viele Follower*innen unterstützen die Kampagne nun genauso blind, ohne sich über die Auswirkungen Gedanken zu machen. Das Ganze ist eine super PR-Sache, ganz klar. Mehr aber auch nicht.

Es ist wichtig, sich klar zu positionieren. Keine Frage. Aber wichtig ist halt auch, auf welche Art und Weise man das tut. Und die Kampagne #UNFOLLOWME ist leider im gesamtgesellschaftlichen Kontext keine Hilfe, sondern trägt maßgeblich zur Spaltung der Gesellschaft bei. Indem man die Leute, die rechtes Gedankengut inkorporiert haben, auffordert, einem zu entfolgen, bringt man sie nicht dazu, ihre Meinung zu ändern. Man bringt sie nicht zur Einsicht. Im Gegenteil: Man bestätigt ihren Eindruck, man wolle die „Andersdenkenden“ unterdrücken. Denn genau das ist ja, was die AfD stark propagiert: Mit ihrer Elitenkritik sind sie groß geworden. „Die da oben machen Politik gegen uns, ignorieren uns, machen keine Politik für das deutsche Volk, deshalb verbünden wir uns(!) und feuern dagegen,“ ist das ungeschriebene Motto der Neuen Rechten. Und mit #UNFOLLOWME wird das weiter befeuert, es bilden sich Minigesellschaften. Jede*r bleibt in seiner*ihrer Filterblase, in seiner*ihrer Echokammer. Aber indem man einfach ignoriert, dass es diese starke Bewegung nach rechts gibt, verbessert sich nichts. Im Gegenteil.

Die Kampagne ist einfach ein Stück zu kurz gedacht. Sie denkt viel zu schwarz-weiß. Sie geht davon aus, dass alle Menschen, die rechtes Gedankengut teilen, sich dessen auch vollends bewusst sind und sich auch selbst als „rechts“ betiteln. Das mag auf einen Teil auch zutreffen. Auf die Leute, die in Chemnitz auf der Straße standen, Hitlergrüße gezeigt haben und Migrant*innen gejagt haben, trifft das wahrscheinlich zu. Mit denen braucht man beim besten Willen auch nicht reden. Das sind Menschen, die das Grundgesetz mit Händen und Füßen treten. Auf die große überwiegende Mehrheit derer, die zum Rechtsruck beitragen, trifft das aber nicht zu. Nein, sie sehen sich als „bürgerliche Mitte, die einfach nur besorgt ist.“ Und viele sind sich vermutlich auch nicht sicher, was sie überhaupt wollen und denken. Sie hören Nachrichten, sehen dies, hören das, und denken, das stimme vielleicht doch alles, was die AfD und die Bild-Zeitung so sagt. Wenn man die dann allerdings direkt in einen Topf mit denen wirft, die sich offen zum Rechtsextremismus oder -populismus bekennen, nimmt man ihnen die Möglichkeit, sich vielleicht nochmal genauer zu informieren und politisch zu bilden. Dann macht nämlich noch so viel mehr Sinn, was die AfD behauptet. Die Elite sei „gegen das eigene Volk.“ Die AfD hingegen gibt den Menschen das Gefühl, gehört zu werden. Also spaltet man sich ab und kehrt der Gesellschaft den Rücken zu und bildet seine eigene Gesellschaft.

Die Leute also noch aufzufordern, das zu tun, ist ein riesiger Fehler. Vielmehr fruchtet eine Dialogbereitschaft. Im realen Leben, nicht online. Online tendiert man dazu, die Menschen sowieso nicht ernst zu nehmen, weil man sie oft auch nicht kennt. Das Gespräch zu suchen, zuzuhören, Ängste ernst zu nehmen lernt man schon im Kindergarten in Konfliktsituationen. Hier ist es nichts anderes – wenn man wirklich auf eine Lösung aus ist, ist Ignoranz der falsche Weg. Einige wenige der Unterstützer*innen der Kampagne betonen das auch, z.B. Visavie. Sie weist darauf hin, dass sie nicht will, dass ihr „Leute entfolgen die in der Lage sind zivilisiert zu diskutieren, auch wenn sie anderer Meinung sind“ (sic). Trotzdem ist der Tenor der Initiative Ignoranz. Und das ist wahnsinnig schädlich, wie auch einige Studien zeigen. All das führt weiter zu verschwörungstheoretischer Elitenkritik (vgl. Müller 2017) und spaltet die Gesellschaft weiter ohne fruchtende Lösungen. Wenn die Polarisierung der Gesellschaft so weitergeht, führt das zu nichts. Menschen kann man nicht wegignorieren. Faschisten werden nicht verschwinden, indem man sie an den Rand der Gesellschaft drängt und so tut, als wären sie nicht da. Faschisten verschwinden, wenn man politisch bildet und sich austauscht und sie überzeugt. Denn ich möchte weiterhin betonen, dass es wichtig ist, Stellung zu beziehen und gegen Faschismus einzustehen. Und die Leute, die offen Rassismus leben und stolz drauf sind – die muss man weiterhin outcallen und in die Verantwortung ziehen. Auch zum Beispiel mit Anzeigen.

Gegen Rassismus, Homophobie, Antisemitismus und Sexismus, also Faschismus, einzustehen und aufzustehen, ist nämlich auch möglich, ohne gesellschaftsspaltende Methoden zu nutzen. Man kann politische und gesellschaftliche Bildung betreiben, auf Missstände hinweisen, geschichtliche Beispiele aufzeigen und menschenrechtliche Begründungen nutzen. Das ist natürlich aber alles etwas mehr Arbeit, als mal eben zu sagen, dass man sich mit den Meinungen anderer einfach gar nicht auseinanderzusetzen will, mal kurz einen Hashtag zu verwenden und die Leute aufzufordern, einem zu entfolgen. Klar. Aber nicht wirklich zukunfts- und lösungsorientiert. Ich verstehe auch, dass es für all die Prominenten super easy ist, sich mal schnell der Initiative anzuschließen. Es ist viel leichter, als da wirklich Arbeit reinzustecken und lösungsorientiert zu arbeiten. Eine super PR-Sache. Aber es löst rein gar nichts. Deshalb macht euch lieber mal Gedanken, welche Wirkungen eure Aktionen haben. Wir wollen nicht wie die Rechtspopulisten blind Aussagen treffen, über deren Ausmaß wir uns nicht bewusst sind. Wir schaffen das doch reflektierter. Also: Weiterhin offen stolzen Faschisten die Stirn bieten, Gesetzesverstöße und Menschenrechtsverletzungen verurteilen und das auch deutlich machen. Aber die Menschen, die auf der Kippe stehen, nicht an den rechten Rand der Gesellschaft drängen und mit Ignoranz zum Absprung zwingen. Versucht, sie zu halten, ihnen Mut zuzureden, sie zurück in die Realität zu ziehen und ihnen zu zeigen, dass eine Welt ohne Faschismus die bessere ist.

1 Kommentar zu “Warum #UNFOLLOWME schädlicher ist als die Motivation dahinter

  1. Wenn ich ehrlich bin, hab ich auch nicht wirklich darüber nachgedacht, als ich das „Projekt“ gesehen habe. Was ich gedacht hab war, cool ist ja echt toll sich zu positionieren und dafür ein Opfer zu bringen (evtl. Follower zu verlieren). Dann hab ich Fynn Kliemanns Story zu dem Thema gesehen, dass er zwar auch weiß dass es nicht sonderlich hilfreich ist sich so ohne weiteren Austausch mit den Leuten, die man vergrault abzuspalten, aber es keinen Sinn macht mit Rassisten usw. über deren Standpunkt zu diskutieren, weil es nichts darüber zu diskutieren gibt. Rassismus ist einfach scheiße, genauso wie Homophobie und Sexismus etc. Was ja eigentlich auch stimmt, es ist scheiße aber damit einfach zu sagen erfolgt mir, dann hab ich mit euch nichts mehr zu tun führt ja auch zu nichts außer, dass diese Leute mit rechtem Gedankengut nicht mehr deine Bilder sehen und liken können.
    Außerdem stellen die Promis sich jetzt so dar, als ob sie für diesen Zweck auch ihre heilige Followerzahl opfern würden, obwohl sie zum Beispiel bei Fynn Kliemann dadurch gestiegen ist.
    Das lass ich jetzt Mal so stehen.

    Viele Grüße
    Kaja

    Liken

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